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In den Schuhen meiner Großmutter…

Eintauchen in die Vergangenheit

Meine Großmutter ist verstorben.
Im Dezember 2018.
Auf Ihrer Beerdigung wurde ich nachdenklich. Ich habe die Zeit nicht genutzt. Zeit, in der ich etwas über sie und meine Wurzeln hätte erfahren können. Jetzt ist es zu spät.

Ich ärgere mich darüber. Was hätte sie erzählen können. Einmal, da habe ich mit ihr ein Eis gegessen und wir haben uns über ihre Vertreibung unterhalten und wie es war in der neuen Heimat anzukommen und behandelt zu werden, fast wie ein Verbrecher.

Was ist Heimat? Was ist zu Hause?

Eine türkisches Freundin sagte mal: „Ich bin in Deutschland groß geworden. Bin schon immer hier. Aber hier bin ich immer die Türkin. Komme ich in die Türkei, dann bin ich die Deutsche. Es fühlt sich manchmal an, als ob ich nirgends hingehöre.
Ich denke so ging es meiner Großmutter und vielen anderen auch.
Sie war als Deutsche im Böhmerwald und unter den Tschechen galten sie als „Fremde“. Dann wurde sie vertrieben, kam als Deutsche nach Deutschland und wurde hier behandelt wie eine Fremde. Trotz all diesen Erlebnissen hat sie es geschafft sich eine Existenz aufzubauen. Ich weiß nicht ob es so ist, ich kann sie nicht mehr fragen. Doch mir zeigen ihre alljährlichen Reisen in die alte Heimat, dass sie ihre Heimat in Künzelsau wohl nie so recht gefunden hat. Ihr Herz gehörte dem Böhmerwald.

Dorfplatz in Koryto

Sie ist jedes Jahr mit ihren Kindern in den Böhmerwald gefahren, um die Orte ihrer Kindheit aufzusuchen. Ich war nie dabei. Jetzt wollte ich das nachholen und hinfahren. Auf Nachfrage bei meiner Tante ergab sich dann im Oktober 2019 eine gemeinsame Familienreise in die Tschechei. Während dieser Reise habe ich mir vorgenommen, hier kommst Du noch einmal alleine her. In Ruhe. Mit meinen eigenen Gedanken.

Auf nach Koryto

Jetzt im Sommer 2020 sitze ich hier, vor dem Camper auf dem Grundstück meiner Vorfahren in Koryto – so heißt das Dorf heute. Das Grundstück ist jetzt nicht mehr das meiner Familie. Es wurde damals enteignet und gehört nun dem tschechischen Staat.

Garten der Familie Jaegerhuber

Komisch fühlt sich das an.

Ein freundlicher Nachbar (der ebenfalls Deutsch ist) erzählt mir, dass immer mal wieder Menschen ins Dorf kommen um die Orte der Kindheit zu sehen. Er hat eines der Nachbarhäuser in völlig zerfallenem Zustand gekauft und liebevoll wieder instand gesetzt. Wer Lust hat mal in vollkommener Ruhe in einem Dorf mitten im Böhmerwald, in einem Kulturdenkmal seinen Urlaub zu verbringen – es gibt auch eine Ferienwohnung.

Das Heimatbuch

Was er auch hat: Ein Heimatbuch! Es erzählt über die Vergangenheit der drei Orte Hundsnursch (heute Koryto), Jandles und Schreinetschlag. Über die einzelnen Häuser, wo sie standen, was für Namen sie hatten, welche Familien darin lebten. Über Traditionen im Böhmerwald, Feste und Gebräuche und auch, wo die Familien nach der Vertreibung gelandet sind.

Er fragt mich nach dem Namen meiner Großmutter, schlägt die passende Seite auf und reicht mir das Buch. Ich sehe direkt in die Gesichter meiner Urgroßeltern und meiner Großmutter und deren Geschwister als sie noch Kinder waren. Ein seltsames Gefühl. An diesem Nachmittag erfahre ich viel über das Leben im Böhmerwald und das Leben in den Dörfern der Kindheit meiner Großmutter. Ich nehme war, dass mein Urgroßvater das Haus in diesem Dorf erst 5 oder 6 Jahre vor der Vertreibung aus Hundsnursch gekauft hatte. Das erklärt auch, warum es in diesem Dorf keine weiteren Einwohner mit diesem Nachnamen gibt. Die finde ich dafür im Nachbardorf. Ich sehe Fotos der Ur-Ur-Großmutter und diversen Verwandten, die ich noch nicht so recht zuordnen kann. Tauche ein in die Geschichte – ein bisschen auch in meine Geschichte. (Wieder zu Hause versuchte ich zuzuordnen wer nun wer war. Ur- Ur- Großeltern. Deren Kinder, Neffen, Geschwister.)

Meine Großmutter war eine Kämpferin. Zumindest habe ich sie so war genommen. Mein Motto: Reiß Dich zusammen, Augen zu und durch und einfach weiter machen. Das muss ich von Ihr haben!
Wir hatten nicht viel Kontakt. Die frühe Trennung meiner Eltern und das aufwachsen im anderen Teil der Familie hat dazu beigetragen.

Ich bin traurig. Ich hätte gerne noch mehr von Ihr gewusst. Sie besser gekannt. Meine Cousins und Cousinen waren oft dort. Ich kann meine Besuche an zwei Händen abzählen. An was ich mich erinnere? An die unfassbar tollen böhmischen Kartoffelknödel! Die hat sie immer gemacht. Einmal habe ich morgens um 10 Uhr angerufen um ihr zu sagen, dass ich so um die Mittagszeit bei ihr vorbei kommen würde. Als ich ankam, warteten die Knödel dampfend in einem Topf auf mich und meine Kinder. 

Ob sie mich wohl wie die anderen Enkel geliebt hat? Ob sie, nach all dem was sie erlebt hat nicht vielleicht zu pragmatisch war für Gefühlsduselei? Ich weiß es nicht. Zu spät es herauszufinden.

Was ich aber in mir fühle ist, dass ein Teil von ihr auch ein Teil von mir ist.

Auf den (Wald-) Wegen der Vorfahren

Gegen Abend mache ich mit meinem Mann eine kleine Wanderung durch den Wald rund um das Dorf. Wir kommen an einer zerfallenen Kapelle vorbei. Wir beide empfinden eine seltsame Nähe zu den ehemaligen Einwohnern. Ich kann fast spüren, wie hier auch meine Großmutter durch den Wald zur Andacht gelaufen ist. Die Geister der Vergangenheit scheinen allgegenwärtig. Ich komme mir vor wie ein Eindringling. Es ist wie in den Schuhen meiner Großmutter zu gehen.
Was ich aber auch merke: Es ist ihre Vergangenheit. Nicht meine. Ihre Geschichte. Erlebnisse, die sie geprägt haben und die ich heute noch in mir trage. Die aber nicht meine eigenen sind.

Die eigene Vergangenheit erschaffen

Am Ende sitze ich in unserem Camper auf dem Weg in Richtung sächsische Schweiz und in meinem Kopf kreisen die Gedanken.

Ja, es ist wichtig sich mit der Vergangenheit zu befassen und zu sehen, wo die Wurzeln sind. Woher kommen die Vorfahren. Woher die Glaubenssätze, die in einem Schlummern und die von diesen Vorfahren an uns übergeben  wurden. Woher bestimmte Verhaltensweisen, Werte und und und.

Was ich aber auch denke: Es ist wichtig das alles war zu nehmen und dann zu sagen: Ich bin ich! Und ich kann mein Leben gestalten wie ich es mag. Ich kann alte, übernommene, durch Generationen weitergetragenen Dinge auch auflösen und Glaubenssätze, die nicht zu mir und meinem Leben passen, die darf ich ablegen. Ich muss im hier und jetzt leben und meine eigene Vergangenheit gestalten indem ich hier und heute mein Leben lebe, auf das ich später zurück blicken kann und sagen kann: Ja, das war mein Leben und es war fantastisch.

Ob ich noch einmal in die Tschechei zurück kehre? Ich weiß es nicht genau.

Drohnenflug über Koryto

P.S. Dies hier ist meine ganz eigene Interpretation und Sichtweise auf die Geschichte meiner Großmutter und auf meine Großmutter als Person. Das alles ergibt sich aus meinen Erlebnissen und meinem Bauchgefühl. Dass andere dies vielleicht komplett anders wahrnehmen und aus ihrem Wissen und ihren Erlebnissen andere Schlüsse ziehen ist nur menschlich und zeigt, dass jede Person so viele unterschiedliche Facetten hat und diese auch unterschiedlich wahrgenommen werden. So können zwei verschiedene Personen über jemanden berichten und man kommt nicht auf die Idee, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt.

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