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Weg von der Rolle – hin zum Ich!

Gast Beitrag von Katja Kerschgens

Es gibt erschreckende Studien, wie viele Menschen mit sich selbst, ihrem Körper, ihrem Leben unzufrieden sind. Tagein, tagaus werden sie mit vermeintlichen Vorbildern konfrontiert, denen sie nacheifern wollen, die aber so gut wie immer unerreichbar sind. Viele Menschen wollen einem Rollenbild entsprechen, das eben vor allem eins ist: Eine Rolle!

Mein Gedanke, wenn ich so etwas sehe oder höre: Was für eine Energieverschwendung! Warum ich das so sehe? Dazu greife ich einfach ganz spontan drei klassische Lebenssituationen heraus: Bewerbungsgespräch, Beziehung, Bühne.

Bewerbungsgespräch

Stell dir Folgendes vor: Du bist zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Im Vorfeld liest du zahlreiche Ratgeber, lernst die besten Antworten auf typische Fragen auswendig, kaufst dir Kleidung, von der du glaubst, dass dieses Unternehmen das so erwartet. Und tatsächlich: Deine Performance ist so gut, dass du die Stelle bekommst. Hurra!

Oder auch nicht… Denn ab jetzt wird genau diePerson von dir erwartet, die du im Bewerbungsgespräch warst. Aber das warst nicht du, das war eine angelernte Rolle. Die müsstest du weiter aufrechterhalten, denn diewurde eingestellt, nicht du!

Ich sage hiermit voraus: Das hältst du nicht durch. Du wirst unzufrieden, über- oder unterfordert, am Ende sicher auch krank. Ist es das wert? Oder wäre eine Absage besser, um dann später in ein passendes Unternehmen zu kommen? Ja, das kostet erstmal Mut und langen Atem, aber es geht doch um nichts Geringeres als dein Leben, oder?

Ich habe diese völlig durchgeknallte Vision: Was würde passieren, wenn alle den Job hätten, der am besten zu ihnen passt, ihren Fähigkeiten und Vorlieben entspricht, den sie mit Liebe und Leidenschaft bewältigen? Stattdessen sitzen viele Menschen auf Stellen, die den Ansprüchen anderer entsprechen (Eltern, Nachbarn, vermeintliche Freunde…), von denen sie sich irgendetwas erhoffen (Geld, Macht, Sicherheit…) oder weil sie kein Vertrauen in ihre eigenen Stärken und Talente haben. Weil sie glauben, einer Rolle entsprechen zu müssen. Solche Menschen werden irgendwann zum Montagshasser.

Fühlst du dich gerade ein wenig ertappt? Das könnte ein Startsignal für dich sein, mal darüber nachzudenken, an welchen Lebensweichen du nicht du selbst warst. Und wie wäre es, wenn du ab sofort du selbst sein würdest? Was würde das mit deinem Leben machen? Wenn jetzt schon die Ideen mit dir durchgehen – nur zu! 

Beziehung

Ja, das mit dem Job ist schon heikel, aber jetzt wird es noch heikler. Es geht um die Menschen, die dir besonders nah sind. Und zwar die, die du dir selbst aussuchst. 

Gerade in Beziehungen zu anderen Menschen geht es oft ums Gefallen. Da wird dann auch gerne in die Trickkiste gegriffen, vor allem bei jemandem, der uns besonders wichtig ist. Das Äußere, der Gesichtsausdruck, das, was du sagst – alles steht auf dem Prüfstand: „Bin ich gut genug? Was soll der/die/das jetzt von mir denken?“ Diese Gedanken haben vor allem eins zur Folge: Du verkrampfst in deinem selbstgewählten Korsett. Auch hier ist es wie beim Bewerbungsgespräch: Wenn sich dein Gegenüber für dich entscheidet – für wen genauhat er/sie/es sich dann entschieden? Denk daran: Welche Rolle du auch immer jemand gegenüber spielst, es kostet immens viel Energie, diese Rolle aufrechtzuerhalten. Mehr noch und strenggenommen noch schlimmer: Vielleicht passt dein Gegenüber perfekt zu dieser Rolle – aber eben nicht zu dir!

Jetzt kommt wieder so eine fiese Frage: Willst du weiterhin Energie in die Aufrechterhaltung einer Rolle investieren oder zeigst du endlich dich selbst – auch, wenn es Beziehungen kostet?

Du kannst eh nicht allen gefallen. Egal, wie du dich verhältst: Es wird immer jemanden geben, der es dir negativ auslegt! Schnell klebt ein Etikett an dir, ruckzuck versauerst du in irgendeiner Schublade. Der nächste Satz klingt brutal, ist aber eine echte Erleichterung: Leb damit! Und trenn dich von denen, die dir eine Rolle überstülpen wollen, die nichts mit dir zu tun hat. Lass nicht zu, dass dein Leben fremdbestimmt ist. Und ja, das geht. Mehr noch: Es ist eine große Erleichterung, trotz unangenehmer Entscheidungen, die dazu nötig sind. 

Aber dann – es ist wie ein Wunder – werden die richtigen, weil wirklich passenden Menschen in dein Leben kommen. Versprochen!

Bühne

Die größte Angst vieler Menschen ist nicht die vor dem Sterben, es ist die Vorstellung, vor Publikum reden zu müssen. Also, ich finde es toll – aber vielleicht gehöre ich nicht unbedingt zur Mehrheit. Noch schlimmer: Ich habe es sogar zu meinem Beruf gemacht.

In knapp zwei Jahrzehnten als Rhetoriktrainerin und -coach hatte ich genaugenommen nur eine Aufgabe: Ich habe den Teilnehmern und Coachees erlaubt, sie selbst zu sind. Ja, klar, dazu gab es noch jede Menge Tricks und Tipps – aber der Anfang war immer die Aufgabe, alles Angelernte zu vergessen. 

Eine Rede zu halten, ist schon aufregend genug. Sich dann noch auf Körperhaltung, Stimme, Gesten, Mimik… zu konzentrieren – da kann nur Krampf bei rauskommen. Die Erleichterung folgte schnell auf die erste Ungläubigkeit – und dann war es wie eine Befreiung. Wie oft hatte ich Gänsehaut! Da kamen plötzlich Persönlichkeiten zum Vorschein, wurden emotionale Reden gehalten, wurde aus Redeangst die Lust an Wort und Wirkung! 

Beispiel gefällig? Gerne: 

Eine Dame im RedeCoaching startet mit dem ersten Satz, unterbricht sich, beginnt den Satz noch einmal anders, unterbricht sich wieder, formuliert den ersten Satz nochmals um. Beim zweiten Satz korrigiert sie sich wieder, beim dritten unterbreche ich sie. »Kann es sein«, frage ich, »dass Sie in der Perfektionsfalle sitzen? Sie beginnen einen Satz, da meldet Ihr Gehirn: Das können wir aber besser! Bei der nächsten Fassung ruft ein anderer Teil Ihres Gehirns: Das klang vor dem Spiegel aber ganz anders! Und deswegen bekommen Sie keinen Satz zu Ende.« 

Sie schweigt, sieht mich mit großen Augen an. Ich sage: »Sie können sich in der Schriftform so oft korrigieren, wie Sie wollen. Aber ein Satz, den Sie aussprechen, ist wie ein abgeschossener Pfeil: Sie können ihm nur noch hinterherschauen, seine Flugbahn nicht mehr ändern. Leben Sie damit, dass der Satz für diesen Moment perfekt ist, und lassen Sie los.«

Sie schweigt immer noch, ihre Augen werden noch größer. Eine halbe Minute später nickt sie: »Ja, ich glaube, das ist genau mein Problem!«

Es klingt vielleicht seltsam, aber ich glaubte zu hören, wie es in ihrem Kopf laut »klack« machte. Ab diesem Moment war sie wie erlöst, sie redete einfach drauflos, wirkte völlig entspannt. Wir arbeiteten den Rest des Tages am Feinschliff ihres Vortrags, den sie begeistert und spaßvoll immer wieder ausprobierte. Jedes Mal war er ein bisschen anders – jedes Mal war er perfekt.
[aus: „Einfach kann ja jeder“, Katja Kerschgens, Edition Forsbach]

Aus lauter Angst, einem Rollenbild entsprechen zu müssen, werden viele Menschen fasrige Abziehbildchen von sich selbst. Kaum treten sie vor ein Publikum, glauben sie, irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen. 

Was erwartest dudenn von einem Redner? Wahrscheinlich, dass es schnell vorbei, unterhaltsam und informativ, also kurzweilig ist. Ganz sicher willst du den Menschen sehen, seine Geschichten hören, seine Emotionen teilen. Dazu gehört vor allem, dass dieser Mensch echt ist und keine Kopie von irgendwas oder irgendwem. Nimm diese Erwartungen und wende sie an dir selbst an. Denn andere Menschen, die dir zuhören, ticken an dieser Stelle genau wie du!

Falls du glaubst, dieses Thema ist unwichtig für dich: Bühne ist überall!In dem Moment, in dem du vor andere Menschen trittst, bereitest du deine Bühne. Im Gespräch, im Streit, im Job, sogar beim Sport. Schenk dir die Anstrengung, Klischees zu erfüllen. Denn:  Du bist die beste Rolle deines Lebens!

Du bist die beste Rolle deines Lebens

Wer eine Rolle spielt, ist ein Schauspieler. Die beste Rolle deinesLebens? Das bist du selbst! Alles andere ist Fassade, deren Aufrechterhaltung kostet immens viel Energie, die dir dann woanders fehlt. Wie wäre es, wenn dir diese Energie komplett zur Verfügung stünde, um die beste Version von dir selbst zu sein? Fang heute damit an!

Ach so, kleine Übung am Schluss, damit dieser Blogartikel nicht irgendwo in einer staubigen Ecke deines Gehirns landet… Wie oft sagst du: „Das erwartet man aber so!“ Aha. Drei Impulse gebe ich dir für einen solchen Moment zum Draufherumkauen hier und heute mit:

  1. Woher willst du wissen, was andere genau von dir erwarten? 
  2. Warum willst du genau diese „Erwartungen“ erfüllen?
  3. Was genau passiert, wenn du vor allem deine eigenenWünsche erfüllst?

Mach was draus.

Katja Kerschgens 
PlanBMentorin & Redenstrafferin
www.PlanBMentorin.de

Über Katja Kerschgens 

Katja Kerschgens, M.A., kennen viele als DieRedenstrafferin. Seit 2001 ist sie selbstständige Rhetoriktrainerin. Seitdem hat sie bundesweit tausende von Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Branchen in Rhetorik und Schlagfertigkeit trainiert und gecoacht. Aus diesem Querschnitt durch alle Zielgruppen entwickelte sie über die Jahre ihre Mission gegen den Missbrauch von Lebenszeit.

Mittlerweile meinst sie damit das gesamte Leben, nicht nur den Moment des Redenhaltens. Seit 25 Jahren mit der Diagnose MS zu leben, fordert sie heraus, ihren persönlichen PlanB zu aktivieren. Wie du mit einem PlanB endlich dein Leben leben kannst, dazu erzählt sie gerne mehr – in ihrer Arbeit als PlanBMentorin, in ihren Vorträgen, in ihrem aktuellen Buch „Einfach kann ja jeder“.

Seit 2010 ist sie professionelles Mitglied der German Speakers Association sowie seit 2017 GSA-Mentorin.

Vor ihrer Selbstständigkeit arbeitete sie Redakteurin und veröffentlicht als Autorin laufend Bücher in unterschiedlichsten Genres.

Sie studierte Germanistik, Sprachwissenschaft und Phonetik in Köln und lebt heute mit ihrem Mann in der Hocheifel.

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